25.04.2003 / LOKALAUSGABE / DORTMUND S
Hörde. Früher war alles besser? Für derlei Verklärung der Vergangenheit haben die Anwohner dieser Straße keinen Sinn: Weingartenstraße. Was für ein wohlklingender Name! Und was für ein übler Ruf! Aber dieser Ruf wird schon zur Vergangenheit. Das Leben in den Zeiten des Drecks ist vorbei. Höchste Zeit für eine späte Liebeserklärung an eine nicht alltägliche Straße.
1200 Meter Ruhrpott-Kulisse zwischen Faßstraße und Steinkühlerweg. Das passt in jedes Malocher-Klischee. Stahl und Kohle haben dem Revier ihren Stempel aufgedrückt, und hier geht die Prägung richtig tief: Gichtgasleitung überm Dachfenster, eine BVB-Fahne flattert im Wind. Häuser mit einem, zwei oder drei Geschossen. Aus einigen Fassaden rieselt der Staub, Klingelknöpfe fehlen, brüchige Fensterrahmen, eine Jalousie hängt gefährlich auf halb acht. Auf das Werksgelände kannst du von den Grundstücken aus spucken. Gasometer, Hörder Fackel, Rohre, Schlote, Hallen erschlagen alles, was du siehst.
So war das früher, und so ist das noch. Aber da ist noch etwas anderes an der Weingartenstraße und Am Remberg zu spüren. Denn die Fackel ist kalt, die Hallen sind entkernt, aus den Schloten wird nie wieder Qualm in den Himmel steigen. Zwei "Solar - na klar" - Aufkleber pappen auf dem Pförtner-Fenster an einer alten Werkszufahrt. Ein versteckter Hinweis auf eine Zeitenwende. Die Sonne scheint wieder über der Weingartenstraße. Und das Feuer, das einst gewaltig loderte, brennt kalt auf dem Reklameschild einer Kneipe. "Phoenix" heißt die gastliche Stätte. Pils ein Euro, Korn ein Euro. Noch nicht die Preise, die das "neue Dortmund" verlangen wird.
"Alles hat sich kolossal gewandelt. Hier geht die Post ab. Überall wird gewerkelt, kleine Handwerksbetriebe siedeln sich an. Es macht langsam wieder Spaß, hier zu leben", sagt Klaus Tillmann. Jahrelang hat Tillmann in einer Bürgerinitiative gegen die Phoenix-"Dreckschleuder" vor seinem Haus gekämpft. Nun ist sie weg und raucht im Fernen Osten. Jetzt kann Tillmann sogar den Frühling im Garten genießen. "Da hat man ja sonst nicht sitzen können, bei Ostwind schon gar nicht."
Ohne Graphitstaub-Regen wird der Blick frei auf das zweite Gesicht von Weingartenstraße und Remberg: Die Grundschule setzt einen dezenten Farbtupfer, die Fassaden sind nicht alle schlicht schwarzgrau, sondern auch mal himmelblau, rot und gelb. Und hinter den Häusern wächst das blühende Leben mit Vergissmeinnicht, Gänseblümchen, Löwenzahn und knorrigen Kirschbäumen.
Bei der Stille kriegst du ne Gänsehaut"
Der eine oder andere Rebstock ist auch dabei. Tatsächlich kultivierten bereits im Mittelalter die Grafen von der Mark hier ihre Träubchen. Der Weinberg wird erstmals 1344 urkundlich erwähnt. Im gleichen Jahr taucht auch der Remberg als "Rennebergh" auf. Er war die Weide der Stadt Hörde. Die grünen Gärten führen uns also zurück an die Wurzeln dieser Straßen.
"Es ist viel besser geworden. Die Straße ist sauberer", erzählt Ülkü Deniz Demir, Verkäuferin im türkischen Supermarkt. "Früher gab es kaputte Typen, jetzt ziehen ordentliche Leute ein. Es hat viele Besitzerwechsel gegeben in den letzten Monaten", stellt die 23-Jährige fest. Sie zählt mehr deutsche als türkische Kunden in dem Geschäft. "Alles richtig multikulti bei uns."
Dass früher alles besser war, wird auch der Sölder Maler Walter Demgen nicht unterschreiben. Aber für ihn, der schon in den 50-er Jahren hier malocht hatte, wars auch nicht schlechter an dieser Weingartenstraße: "Die Straße ist ein Stück Werk, sie gehört dazu. Arbeiter haben in diesen Häusern gewohnt. Wenn sie das Küchenfenster aufmachten, dann sahen sie auf die Eliasbahn, auf der flüssiges Roheisen transportiert wurde", erinnert sich Demgen. Die Reste der Bahn sind noch da - als Industriedenkmal. Zu der Kulisse gehörten die Geräusche. "Da dröhnten die Bahnen, Loks fuhren an, bremsten, pfiffen, Bleche fielen krachend im Walzwerk auf den Boden. Für mich war das nachts wie eine gute Einschlafmusik." Demgen vermisst das. "Heute gibts hier Totenstille. Da kriegst du glatt ne Gänsehaut".
So hat jeder seinen eigenen Blick auf das, was war und auf das, was ist. Die Weingartenstraße wagt den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen glühendem Schrott und Phoenix-See. Was da mal draus wird, wissen nur die Propheten. Vielleicht wird sogar alles besser.
Von Matthias Korfmann
